Essay

Was wäre freier?

Erinnerungen aus der TRAGER-Ausbildungszeit
Mai 2008 bis August 2010
Essay von Claudia Böhmer, Birsfelden

Mein herzlicher Dank für ihr Da-Sein auf diesem neuen Wegstück geht an meinen Mann Markus, mit dem ich so gern teile (nun sogar die TRAGER-Ausbildung), Gabriela und Bill Scholl, Eva-Maria Willach, Marita Melzer, Siegrit Salkowitz, Roger Tolle als meine bisherigen TRAGER-InstruktorInnen/Tutoren, Peter Fankhauser und Claudia Aeschbach als meine nächsten TRAGER-Freunde, und an alle ÜbungsklientInnen und MitstudentInnen.

Vor über 10 Jahren bekam ich das Buch Milton Trager, „Meditation und Bewegung“ geschenkt und war sehr berührt, vom Text und von den Bildern.
Mein Bewegungsinteresse führte mich von Gymnastik, freiem Tanz, Contact-Improvisation, Tango, Yoga, Butoh immer mehr zu der Frage nach Verbindung. Vor allem im Tango konnte ich wahrnehmen, dass etwas in mir nicht verbunden war; ich bekam einen Bewegungsimpuls vom Partner und führte die folgende Bewegung ganz eigenständig weiter, d.h. mein Körper liess sich nicht allein vom Schub des Partners bewegen. Folgen konnte ich, weil ich die „Idee“ sofort umsetzen konnte. Es war mir vom Verstand her ganz klar, wohin ich gehen sollte. Im Körper fühlen konnte ich es nicht wirklich.
Heute fühle ich den Unterschied, ob ich in mir (die Voraussetzung für Verbindung mit dem Partner) verbunden bin oder nicht. Und ich wünsche mir, noch öfters verbunden zu sein. Alles ist dann so viel leichter, lustvoller und All-Einig.

Vor 4 Jahren erlebte ich erstmals meine Hände als Antennen, im Kurs zum Thema „Herz“ mit Erich Walker, Franklin-Therapeut. Wir „berührten“ Verschiedenes: Steine, Pflanzen, Wasser. Beim Wasser „wussten“ meine Hände plötzlich, dass sie ohne Manipulation tätig sein können, dass sie aufnehmen können. Mir wurde bewusst, dass ich gerne berührend tätig sein würde, indem ich empfange ohne zu tun.

Vor 3 Jahren erlebte ich dann Hände (Martin Renz, Rebalancer), die mich sagen liessen: solche Hände möchte ich haben! Zu dieser Zeit gab es keine Rebalancing-Ausbildung in der Nähe und so fiel mir Milton Trager wieder ein. Und kurz darauf besuchte ich einen Einführungs-Abend bei Gabriela Scholl, nahm zwei Sitzungen bei Annette Metzner und meldete mich für den Level I-Kurs mit Bill Scholl an. Es kam alles so auf mich zu, es war sehr einfach hier weiterzugehen.

Mit Bill erlebte ich dann, wie befriedigend Nicht-Wissen und sogar Nicht-Können sein kann. Es war ein völlig neues Lernen. Mein Lern-Trauma konnte heilen. Mich faszinierte auch sehr sein Unterrichten. Er war immer im ganzen Raum präsent und gleichzeitig fühlte ich mich völlig frei und nicht beobachtet.

Es war für mich sehr wichtig, meine Hände zu entdecken als Sinnes-Organe des Sehens, Hörens, Fühlens und bestätigt zu werden, dass ich mir um meine Hände, um das Berühren, keine Sorgen machen muss.
Nun „verschwinden“ langsam meine Hände aus meiner Aufmerksamkeit und ich bekomme eine Ahnung des Satzes von Milton Trager: „Es sind nicht die Hände, die fühlen, sondern der Geist“. Die Voraussetzung ist ein in sich verbundener Körper – von Kopf bis Fuss/Hand.

Verbindung

in meinem Körper, mit mir, mit anderen, mit dem Tanz-Partner, im Gespräch, mit der Natur, mit der Musik

In mir war und ist eine Sehnsucht nach Verbindung. Zuerst, wie oben beschrieben, im Tanz wahrgenommen in mir selber, dann mit dem Partner, mit der Um-Welt.
Schon nach dem Level I-Kurs habe ich gemerkt, dass mir der Kontakt zu anderen Menschen leichter fällt. Und dies dehnt sich nun aus auch auf mir fremde Menschen, Situationen, Orte. Meine Sinne sind wacher und gleichzeitig ruhe ich mehr in mir. So wird mir nun auch bewusster, dass manchmal etwas in mir in Unruhe ist obwohl ich ruhig wirke. Es ist eine ganz im Tiefen wirksame Anspannung, die sich zu lösen beginnt.

Auf einer Wanderung beim bergab Gehen merke ich, dass ich meinen Fokus auf meinen Rumpf richten kann statt nur auf die schmerzenden Knie. Wie ist mein Körper in sich verbunden? Was macht der dabei? Was ist verbunden?
Und da gehe ich nun richtig federnd bergab und die Schmerzen werden erträglich. Ich bin begeistert. Und wesentlich dabei ist das Fragen.

In einer Frage sein

Ich erlebe es als befreiend, bei einer Frage zu verweilen, zu sein ohne eine Antwort zu suchen oder anzufordern.
Eine Frage mit Wie, Wo, Was zu stellen, führt zu je verschiedenen Antworten. Wie bringt mich leicht in den Kopf, Wo an einen definierten Ort, Warum sucht nach einer Erklärung, Was scheint mir am offensten. Ich könnte auch die Vokale Körper-Räumen zuordnen: i dem Kopf-Raum, o dem Bauch-Raum, a dem Herz-Raum.
Hier experimentiere ich auch im Alltag – neulich in einer Tangolektion. Ich gab dem Paar nach einer Stunde des Suchens den Auftrag nur mit der Frage zu tanzen, was ist meine Achse/die Achse der Partnerin. Und es funktionierte, der Tanz wurde plötzlich leicht und beide fanden Spass.
Das Fragen, was fühlst du? und der Hinweis, sich an das Gefühlte erinnern zu können, ermöglichen Unabhängigkeit von Klient und Praktiker.

Hook-up

Die TRAGER-Arbeit erinnert mich auch immer wieder an Erfahrungen im Butoh, wo ich für mich Hook-up erstmals tief erlebt habe. Ich bin ganz präsent in Körper und Geist und im leeren Raum, die Zeit löst sich auf, es gibt keine Wertung mehr, ich fühle mich geborgen im All. Ich kann den Bewegungen zuschauen, mich überraschen lassen von scheinbar Unmöglichem, Unbekanntem. Sobald ich in Gedanken abschweife oder Langeweile auftaucht, werde ich noch langsamer oder halte inne.
Hook-up ist für mich auch die Verbindung in der Senkrechten, ich bin aufgespannt zwischen Himmel und Erde, mein Herz ist frei.

Auszüge aus Protokollen

Was wirklich anders ankommt, ist aus eigener Bewegtheit zu bewegen. Und dabei immer wieder im fühlenden Kontakt zu sein. Frei von allen Vorstellungen über Gleichmass, Harmonie, Ausrichtung. D.h. ich nehme diese Gedanken wahr und sie geben mir auch ein Fundament, darauf entsteht und entwickelt sich jedoch das Lebendige in ständiger Wandlung. Was könnte leichter sein hier mitzuschwingen?

Der gesamte TRAGER-Ansatz führt zu einer Balance, zu einem in die Mitte kommen. Zu viel wird weniger, zu wenig wird mehr.

…den Slack zwischen den einzelnen Gewebeschichten rausnehmen. Ich spüre so die Verbindung von oberster Hautschicht zu tieferer, Fettgewebe, Muskel und schlussendlich gibt es einen sanften Zug auch am Skelett. Dies gibt Raum.

In mir ist neben dem Loslassen-Können, wie ich meine Schultern kenne, auch etwas wie „Antwort“ auf das Sinkenlassen von M’s Händen. Dies gibt mir ein Gefühl von Verbundenheit in mir selber durch meinen ganzen Körper hindurch.
Hier begegne ich den Gedanken von Aufgabe – Hingabe. Die Hingabe meiner ganzen Fülle ist wie die Antwort auf das Auf-die-Erde-gelegt-worden-Sein.

Gewohnt war ich, dass ich total locker mich bewegen liess. Und auch etwas wie abwesend war.
Ich könnte sagen, dass ich mich nun selbst verkörpere. Ich bewohne meinen Körper. Und da zeigen sich nun auch Verletzungen, Narben und dies ist gut so…

Paco de Lucia sagte: Das Unbewusste, das Nicht-Wissen lässt dich doch höher fliegen und es lässt dich an Orten landen, wo der Verstand nicht hinführen würde.

Was ich vorallem erinnern möchte (für das Geben einer Sitzung): manchmal „vergesse“ ich P., die Berührung führt mich ganz zu mir, ich nehme meinen Körper wahr. Das ist ein sehr gutes Gefühl, es ist sehr beruhigend. Ich schaue ganz aus meiner Empfindung heraus.
Beim Feedback meint P., anders ausgedrückt sei es, als würden sich die Grenzen auflösen, alles ist eins. Nun denke ich, dies ist Hook-up.

Wesentlich ist wohl, dass sich ein Körper bewegt und dies z.T. in kleinsten unsichtbaren Bewegungen, vielleicht fliessen auch einfach die Gefühle – der bewegte Geist.

…ein Gefühl von Leichtigkeit, Mühelosigkeit, Einfachheit, Das-bist-Du vermitteln.

Komm, wir tanzen zusammen

Mich fasziniert, dass ich nach einer Sitzung gleich entspannt bin ob ich gebe oder empfange. Als Gebende meistens, muss ich sagen, denn ein kleines Eckchen in mir möchte es manchmal doch noch gut machen, möchte gut sein. Keine Ahnung, wo das noch hinführt – muss himmlisch sein, ich bin neugierig…